MAINZ. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Landesverband Rheinland-Pfalz kann nicht glauben, dass das nationale MAB-Komitee zum autobahngleichen Ausbau der B 10 mitten durch das einzigartige Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen tatsächlich eine so radikale Kehrtwende vollzogen hat, wie in der Presse dargestellt. Noch im Oktober 2013 hatte die beim Bundesumweltministerium angesiedelte Einrichtung im Rahmen der vorgeschriebenen 10-jährigen periodischen Überprüfung mitgeteilt, dass eine „weitere Fragmentierung des Pfälzerwaldes“ durch „den Ausbau der Bundesstraße B 10“, der „bereits in Gang“ sei, die Aberkennung des prestigeträchtigen Biosphärenstatus bringen müsse. Nun aber soll plötzlich und unerwartet der von Teilen der Politik geforderte Ausbau der B 10 vernachlässigbar sein. Das würde einen in der Naturschutzpolitik einmaligen Saltomortale rückwärts bedeuten.

„Dies kann nicht das letzte Wort der Wächter über die Biosphärenreservate sein. Wer mit bereits vorhandener „Linearität“ einer Bundesstraße im Vergleich zu den „punktuellen“ Windrädern argumentiert, verkennt, dass eine nach RQ 26 („Regelquerschnitt“ mit 26 Metern Fahrbahnbreite) autobahngleich ausgebaute Straße ganz andere Radien hat als eine einfache Bundesstraße. Ganze Landschaftsbestandteile des Pfälzerwaldes müssen für ein solches Projekt weggeräumt werden. Ungeheure Erd- und Gesteinsmassen müssen bewegt und an anderer Stelle untergebracht werden. Dies zeigt bereits drastisch die aktuelle Baustelle bei Hinterweidenthal“, so Dr. Holger Schindler, stv. BUND-Landesvorsitzender. Er frage sich, ob dies dem MAB-Komitee bewusst ist.

Die Natur- und Umweltschützer des BUND möchten daher die Vorsitzende des deutschen MAB-Komitees einladen zu einem gemeinsamen Ortstermin, der ihr ein realitätsnahes Bild von der tatsächliche „Fragmentierung“ durch das noch rechtzeitig ausbremsbare Straßenprojekt ermöglichen könne. Die Konfrontation mit den hässlichen Anschlägen, die das Biosphärenreservat schon jetzt auszuhalten habe, müssten das Komitee, eines Besseren belehren. Zu einem solchen Treffen gehöre auch die Teilnahme der mitgliederstarken Bürgerinitiativen „Queichtal“ und „Landau“.

Darüber hinaus könne ein Blick auf die Ergebnisse der beiden Mediationsverfahren, die es zu dem Straßenprojekt gegeben hat, sehr erhellend sein.Bereits die erste Mediationsrunde hat etwa für wirtschaftliche Vorteile für den Raum Pirmasens keine gutachterlich Anhaltspunkte erbracht, dafür aber im Gegenteil das Ergebnis, dass aus Naturschutzgründen ein solch großdimensionierter Ausbau der B 10 nicht zulässig sei. Im bundesweiten Vergleich ist überdeutlich, dass an der Strecke liegende Mittel- und Kleinstädte unter heutigen Bedingungen keinen bezifferbaren wirtschaftlichen Vorteil aus dem Neubau von vierspurigen Fernstraßen ziehen können.

In einem Bundesland, das mit Abstand die größte Straßendichte unter den deutschen Flächenländern hat, braucht ein Biosphärenreservat keine Fragmentierung für eine weitere „europäische Transversale“. Die vorhandene leistungsfähige A 6 und die französische A 4, die das deutsch-französische Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen einrahmen, müssen nun wirklich für den Europatransit genügen. Eine verkappte A 8 durch den Pfälzerwald wäre nicht nur stark naturschutzwidrig und ein Albtraum für die Menschen im Queichtal, sondern auch mit den zu erwartenden Kosten von ca. einer Milliarde Euro eine Geldverschwendung.

Grünbrücken und Unterquerungen rechtfertigen keinen solch immensen Ausbau einer Straße in einem Biosphärenreservat. Das weiß mit Sicherheit auch das MAB-Komitee.

Vor allem der von den Planern als nächstes ins Auge gefasste knapp 10 Kilometer umfassende Abschnitt zwischen Hinterweidenthal und Hauenstein hat keine verkehrliche Erschließungsfunktion. Er führt durch einen siedlungsfreien Raum und grenzt unmittelbar an die größte Kernzone des Reservats, das Quellgebiet der Wieslauter. In einer solchen Kernzone soll die Natur sich ohne menschliche Einwirkung in eigener Dynamik entwickeln können und nicht durch negative Einflüsse einer lärm- und schadstofferfüllten Transitstraße mit ihren ständig zunehmenden LKW-Karawanen gestört werden.

Statt eines Freibriefs für den verheerenden Fernstraßenbau sollte beim rheinland-pfälzischen Verkehrsministerium endlich darauf gedrungen werden, dass aus Rücksicht auf die jetzt schon geplagten Menschen im Queichtal die schon lange im Gespräch befindliche und mit juristischen Argumenten immer wieder ausgebremste Umleitung des internationalen Schwerlastverkehrs in Angriff genommen wird (Transitverbot). In anderen Bereichen Deutschlands ist dies rechtlich durchaus möglich, so z. B. im Neustadter Tal, wo auch die Bürger Neustadts per Abstimmung eine Untertunnelung verhinderten. Auch im Queichtal sollten die Menschen über die geplante verkehrspolitische Zumutung abstimmen können.

Durchaus entwicklungsfähig wäre der öffentliche Personenverkehr auf der parallel zur B 10 verlaufenden Schienenstrecke und im gesamten Raum als Wanderbussystem. Die Tourismusregion Schwarzwald kennt längst ein Tourismus-Ticket. Das Drängen auf eine solche Einrichtung täte einer nachhaltigen Fortbewegung im Biosphärenreservat merklich besser als der Ausbau einer überflüssigen Rennstrecke.

Den Verantwortlichen völlig entgangen sind offenbar zwei weitere für die Entwicklungsmöglichkeiten im Pfälzerwald schädliche Fernstraßengroßprojekte. Dazu zählt die Neukonzeption der B 48 zwischen der A 4 im elsässischen Hagenau und der A 65 bei Landau. mit weiträumigen Ortsumgehungen durch die natur- und kulturlandschaftlich herausragende Hügelkette des Haardtrandes (Rebenlandschaft mit alten Kastanienwäldchen)

Das zweite Projekt ist der mit gefälschten Zahlen in den Bundesverkehrsplan aufgenommene Tunnel bei Bad Bergzabern. Dieses Hundertmillionen-Projekt im Zuge der B 427 führt dazu, dass diese Straße von ihrer Abzweigung von der B 10 bei Hinterweidenthal bis an ihr Ende an der A 65 beim südpfälzischen Kandel nicht nur zu einer internationalen Fernstraße angehoben werden soll; es sollen auch das Nachtfahrverbot aufgehoben und die engen Wasgautäler mit ausgreifenden Ortsumgehungen zerschnitten werden.

All dies – B 10, B 48 und B 427 – hält auf Dauer kein Biosphärenstatus aus. Der BUND fordert ein Ausbau-Moratorium der Bundesstraßen im Biosphärenreservat. Es müssen unabhängige und realistische Untersuchungen des Verkehrs in der Region erfolgen. Für geplante Straßenneubauten muss es und Ortsumgehungen muss der Bedarf nachgewiesen werden. Dies ist in einem umfangreichen Bürgerbeteiligungsprozess zu diskutieren. Es kann nicht sein, dass von oben herab und von weit weg die Bundesebene entscheidet,, welche Straßen in unserem Biosphärenreservat neu gebaut werden ohne Rücksicht auf Natur- und Landschaftserhalt in diesem bedeutenden Schutzgebiet.

Ein Gespräch mit der Region und dem MAB-Komitee über die B 10 und weitere Ausbaupläne ist dringend geboten, um keine weitere Zerschneidungen zu produzieren.

Kontakte

Dr. Holger Schindler, stv. Landesvorsitzender: 06306 701505

Sabine Yacoub, Landesgeschäftsführerin: 06131 62706-0 oder 0174 9971892